Niedrige Volatilität im Optionshandel: Warum du jetzt nicht blind Prämie verkaufen solltest

Ein VIX um 15 fühlt sich für viele Trader angenehm an. Der Markt wirkt ruhig, die Kurse laufen scheinbar geordnet, und der Gedanke liegt nahe: Jetzt einfach ein paar Optionen verkaufen, Prämie einsammeln und die Zeit für sich arbeiten lassen.

Genau dieser Reflex kann im Optionshandel teuer werden.

Wenn die implizite Volatilität niedrig ist, sehen viele nur eines: Das Umfeld scheint sicher. Was dabei oft untergeht, ist die entscheidende Frage: Wirst du für das Risiko, das du übernimmst, überhaupt noch angemessen bezahlt?

Bei niedriger impliziter Volatilität schrumpfen die Optionsprämien. Dein Risiko schrumpft aber nicht im selben Maß. Die Break-even-Punkte rücken näher an den aktuellen Kurs heran, Gebühren und Spreads werden relativ größer, und ein Volatilitätsanstieg trifft Short-Vega-Positionen genau dann, wenn du am wenigsten dafür entschädigt wurdest.

Die richtige Strategie entsteht deshalb nicht aus deiner Marktmeinung allein. Sie entsteht aus der Kombination von Richtung, Zeit und vor allem Volatilitätsniveau. Der Markt bezahlt dich nicht für die Überzeugung, dass ein Kurs steigt, fällt oder seitwärts läuft. Er bezahlt dich dafür, eine Struktur zu wählen, die zur aktuellen Volatilität passt.

 

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Warum niedrige implizite Volatilität den Prämienverkauf bestraft

Die Logik dahinter ist simpel: Du verkaufst im Kern eine Versicherung. Bei hoher impliziter Volatilität ist diese Versicherung teuer, weil der Markt mit stärkeren Schwankungen rechnet. Bei niedriger impliziter Volatilität ist sie günstig.

Wenn du nun in einem sehr ruhigen Umfeld Optionen verkaufst, verkaufst du im Grunde dieselbe Absicherung wie zuvor, aber zu einem deutlich niedrigeren Preis. Der mögliche Schadensfall bleibt jedoch bestehen.

Stell dir einen Delta-16-Strangle vor. Bei einem IV-Rank von 60 kannst du dafür möglicherweise eine solide Prämie einnehmen. Fällt derselbe IV-Rank auf 10, kann die vereinnahmte Prämie halbiert oder sogar gedrittelt sein. Gleichzeitig bleibt die Margin in vielen Fällen fast gleich.

Das bedeutet konkret:

  • Du nimmst weniger Prämie ein.
  • Deine Break-even-Punkte liegen enger am aktuellen Kurs.
  • Die Kapitalbindung sinkt oft kaum.
  • Ein plötzlicher Anstieg der Volatilität kann deine Position stark belasten.

Das Problem ist also nicht nur, dass Short-Premium-Strategien bei niedriger Volatilität gefährlicher wirken. Das eigentliche Problem ist, dass das Verhältnis von Ertrag zu Risiko schlicht unattraktiv wird.

Short Vega am falschen Punkt der Skala

Wer Prämie verkauft, ist in der Regel Short Vega. Steigt die implizite Volatilität, werden Optionen tendenziell teurer. Das belastet eine Short-Optionsposition, selbst wenn der Kurs des Underlyings zunächst kaum läuft.

Bei einem niedrigen VIX ist dieses Risiko besonders asymmetrisch. Von 13 auf 15 Punkte sind es gerade einmal zwei Punkte. Von 15 auf 35 Punkte sind es dagegen 20 Punkte. Und ein Sprung in Richtung 35 kann schneller passieren, als sich viele in einem ruhigen Markt vorstellen können.

Nach unten gibt es bei sehr niedriger Volatilität nur begrenzt Raum. Nach oben kann sie sich dagegen vervielfachen. Du verkaufst also etwas, das bereits billig ist, obwohl dessen Preis bei einem Stressereignis stark steigen kann.

Das ist kein attraktives Chancen-Risiko-Verhältnis.

Wenn Kosten plötzlich deinen Ertrag auffressen

Ein weiterer Punkt wird oft unterschätzt: Transaktionskosten, Bid-Ask-Spreads und Gebühren verschwinden nicht, nur weil die Prämie kleiner wird.

Wenn du hohe Prämien einnimmst, machen diese Kosten vielleicht nur einen kleinen Teil des potenziellen Gewinns aus. Bei kleinen Prämien können sie schnell einen zweistelligen Prozentsatz deines möglichen Ertrags auffressen.

Gerade bei vielen kleinen Trades kann das den Unterschied zwischen einer guten Strategie auf dem Papier und einer enttäuschenden Umsetzung im Depot ausmachen.

IV-Rank statt Bauchgefühl: Die wichtigste Ampel für Credit oder Debit

Der VIX gibt dir einen schnellen Eindruck vom Gesamtmarkt. Für die konkrete Strategieentscheidung reicht dieses Bauchgefühl aber nicht aus. Du brauchst eine Kennzahl, die dir zeigt, wo die aktuelle implizite Volatilität im Verhältnis zu ihrer eigenen Historie steht: den IV-Rank.

Der IV-Rank beantwortet eine einfache Frage: Wo liegt die aktuelle implizite Volatilität innerhalb ihrer 52-Wochen-Spanne?

Ein niedriger Wert bedeutet, dass die Volatilität im Vergleich zum vergangenen Jahr eher niedrig ist. Ein hoher Wert zeigt, dass sie relativ hoch liegt. Ähnlich funktioniert das IV-Percentile, das gegenüber einzelnen extremen Ausreißern robuster sein kann. Für die praktische Entscheidungsfindung ist vor allem wichtig, dass du eine klare Regel nutzt und sie konsequent anwendest.

Die IV-Rank-Ampel für deine Strategieauswahl

  • IV-Rank unter 20: Prämienverkauf ist tabu. Der Fokus liegt auf Debit-Strukturen, Long Vega und Long Gamma.
  • IV-Rank zwischen 20 und 50: Graubereich. Deine Richtungsmeinung darf eine größere Rolle spielen, aber ausgewogenere Strukturen sind sinnvoll.
  • IV-Rank über 50: Prämienverkauf ist wieder interessant. Strangles, Credit Spreads und gegebenenfalls Cash-Secured Puts können hier besser bezahlt sein.

Diese Schwellen sind keine magische Garantie. Sie sorgen aber dafür, dass du nicht aus Gewohnheit dieselbe Strategie in jedem Marktumfeld handelst. Genau das ist einer der größten Fehler im Optionshandel.

Ein Short Strangle ist nicht per se gut oder schlecht. Ein Debit Spread ist nicht automatisch konservativ oder aggressiv. Entscheidend ist immer die Frage: Wie teuer oder billig ist die implizite Volatilität gerade?

Optionshandel

Warum der VIX nicht für jede Aktie gilt

Der VIX ist ein Index für die erwartete Volatilität des breiten US-Marktes. Er ist hilfreich, aber er ersetzt niemals den Blick auf das einzelne Underlying.

Eine Aktie kann bei einem VIX von 15 trotzdem einen IV-Rank von 70 haben. Das passiert beispielsweise häufig vor Quartalszahlen. Der Gesamtmarkt ist ruhig, aber der Markt erwartet bei dieser einzelnen Aktie eine größere Bewegung.

Deshalb gilt eine einfache Regel: Übertrage niemals die Index-Volatilität blind auf eine Einzelaktie.

Wenn du Optionen auf Aktien handelst, gehört der IV-Rank des jeweiligen Underlyings als Pflichtfeld in dein Screening. Bevor du eine Short-Vega-Position eröffnest, muss diese Zahl auf dem Tisch liegen.

Der VIX liefert dir den Wetterbericht für den Gesamtmarkt. Der IV-Rank zeigt dir, ob es bei deiner konkreten Aktie gerade stürmt oder ob nur die Sonne scheint.

Die Term Structure: Volatilität hat auch eine Zeitachse

Volatilität ist nicht nur eine einzelne Zahl. Sie hat eine Laufzeitenstruktur, die sogenannte Term Structure. Sie zeigt dir, wie die implizite Volatilität über verschiedene Verfallstermine verteilt ist.

Steigt die Volatilitätskurve mit längeren Laufzeiten deutlich an, sind kurzfristige Optionen relativ günstig und länger laufende Optionen relativ teuer. Das kann ein interessantes Umfeld für Kalender- oder Diagonal-Konstruktionen sein.

Du verkaufst dabei eher kurzfristige Zeit und kaufst weiter hinten liegende Zeit. Statt ausschließlich auf Richtung zu setzen, nutzt du den schnelleren Zeitwertverlust der näheren Option aus.

Diese Perspektive ist gerade bei niedriger Volatilität wichtig. Denn du musst nicht einfach untätig bleiben, nur weil klassische Prämienverkäufe schlecht bezahlt sind. Du musst deine Struktur anpassen.

Drei Optionsstrategien für niedrige Volatilität

1. Kalender- und Diagonal-Spreads

Ein Kalender Spread oder Diagonal Spread kann in einem ruhigen Markt sehr gut passen. Du verkaufst eine kurzfristige Option und kaufst gleichzeitig eine Option mit weiter entferntem Verfall.

Ein mögliches Beispiel ist eine Short-Option mit etwa 11 Tagen Restlaufzeit kombiniert mit einer Long-Option mit etwa 18 Tagen Restlaufzeit. Die genaue Ausgestaltung hängt natürlich von deiner Marktmeinung, dem Strike und dem Underlying ab.

Der zentrale Vorteil: Du bist netto Long Vega. Steigt die implizite Volatilität nach deinem Einstieg, hilft dir das tendenziell, statt dich zu belasten. Gleichzeitig arbeitet der schnellere Theta-Verfall der kurzfristig verkauften Option für dich.

Wenn du gezielt mehr Long-Vega-Exposure möchtest, kann auch eine Ratio-Variante interessant sein, etwa eine 1-zu-2-Konstruktion. Das erhöht allerdings auch die Komplexität. Entscheidend ist, dass du genau verstehst, wie sich Zeit, Richtung und Volatilität auf deine Position auswirken.

2. Debit Spreads statt Credit Spreads

Bei niedriger impliziter Volatilität sind Optionen vergleichsweise günstig. Das ist genau der Moment, in dem Debit-Spreads attraktiver werden können.

Statt Prämie einzunehmen, bezahlst du einen überschaubaren Betrag für eine Richtungsmeinung. Du kannst dieselbe bullish oder bearish Meinung ausdrücken wie mit einem Credit Spread, nur eben mit einer Struktur, bei der dir ein Anstieg der Volatilität eher entgegenkommt.

Geeignete Varianten können sein:

  • Vertical Debit Spreads
  • Long Call Diagonals
  • Backspreads

Ein Debit Spread begrenzt den maximalen Verlust auf deinen Einsatz. Das ist ein großer Vorteil, aber kein Freifahrtschein für übergroße Positionen. Ein begrenzter Verlust kann psychologisch harmlos wirken und genau dazu verleiten, die Positionsgröße zu verdoppeln, zu verdreifachen oder noch weiter zu erhöhen.

3. Absicherung kaufen, solange sie günstig ist

Niedrige Volatilität ist auch das günstigste Umfeld, um über Hedges nachzudenken. Versicherung kostet am wenigsten, wenn gerade niemand dringend eine braucht.

Du kaufst einen Feuerlöscher nicht erst dann, wenn es bereits brennt. Du kaufst ihn vorher. Genauso kaufst du Ski eher am Ende der Saison, wenn sie niemand haben will, statt mitten im Winter, wenn die Nachfrage hoch ist.

Absicherungen können sich in einem ruhigen Markt unattraktiv anfühlen, weil sie Geld kosten und möglicherweise lange Zeit nichts passiert. Doch genau dann sind sie oft am günstigsten. Sobald die Angst zurückkehrt und die Volatilität anzieht, werden diese Hedges deutlich teurer.

Historisch war der Juli seit 1989 häufig der ruhigste Monat. Ab August nimmt die Schwankungsbreite tendenziell wieder zu. Das ist keine Garantie für einen Volatilitätsschub, aber ein sinnvoller Hinweis darauf, warum es klug sein kann, sich frühzeitig mit passenden Strukturen zu positionieren.

Optionshandel

Drei Fallen, die du unbedingt vermeiden musst

Long Vega ist keine Lizenz zum Warten

Nur weil du Long Vega bist, heißt das nicht, dass deine Position automatisch gewinnt. Die implizite Volatilität kann lange niedrig bleiben. Währenddessen arbeitet Theta gegen dich.

Deshalb brauchst du vor dem Einstieg ein klares Zeitlimit. Definiere, wie lange du der Position Zeit gibst. Lege nicht erst nach einigen enttäuschenden Tagen fest, wann du aussteigst.

Plane keine Volatilitätsexplosion zu einem festen Datum

Du weißt nicht, wann die Volatilität ansteigen wird. Du brauchst deshalb keine Prognose, sondern eine Struktur, die mit verschiedenen Szenarien umgehen kann.

Wer versucht, den exakten Zeitpunkt eines Volatilitätsschubs vorherzusagen, macht aus einer vernünftigen Idee schnell eine Wette. Besser ist es, eine Position so aufzubauen, dass sie von einer möglichen Bewegung profitieren kann, ohne darauf angewiesen zu sein, dass sie morgen passiert.

Verwechsle begrenzten Verlust nicht mit kleinem Risiko

Bei Debit-Strategien entspricht der maximale Verlust häufig dem gezahlten Einstiegspreis. Das fühlt sich kontrolliert an. Es bleibt aber nur kontrolliert, wenn die Positionsgröße stimmt.

Deine Risikoregel sollte unabhängig von der Strategie gelten. Risiko pro Trade: maximal ein kleiner Prozentsatz deines Kontos, gern auch unter einem Prozent. Ob du einen Credit Spread, einen Kalender oder einen Debit Spread handelst, ändert nichts an dieser Grundregel.

Deine Sofortmaßnahme für das aktuelle Depot

Öffne dein Depot und schreibe zu jeder offenen Optionsposition den IV-Rank des jeweiligen Underlyings dazu.

Danach prüfst du jede Short-Premium-Position mit einem IV-Rank unter 20. Für jede einzelne Position brauchst du eine klare Antwort:

  • Warum ist diese Position trotz niedriger Volatilität sinnvoll?
  • Passt das Verhältnis von Prämie, Risiko und Kapitalbindung noch?
  • Wäre dieselbe Marktmeinung mit einer Debit-Struktur besser umgesetzt?
  • Soll die Position geschlossen, reduziert oder angepasst werden?

Das ist keine komplizierte Aufgabe. Es ist aber eine Aufgabe, die viele auslassen, weil sie lieber am vertrauten Vorgehen festhalten. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem System und einem Reflex.

Teste deine Regeln nicht erst im Drawdown

Wer erst seit 2022 aktiv handelt, hat möglicherweise noch keinen langen, zermürbenden Bärenmarkt erlebt. Ein kurzer Rücksetzer ist nicht dasselbe wie ein anhaltender Drawdown. Strategien, die in einem ruhigen oder schnell wieder steigenden Markt gut aussehen, können unter dauerhaftem Druck völlig anders reagieren.

Deine Regeln müssen deshalb stehen, bevor der Stress beginnt. Positionsgrößen, Exit-Regeln, Volatilitätsfilter und Hedge-Überlegungen gehören nicht in den Moment, in dem das Depot bereits unter Druck ist.

Die zentrale Regel lautet: Der Markt zahlt dir kein Geld für deine Meinung. Er zahlt dir für eine Struktur, die zum aktuellen Volatilitätsniveau passt.

Bei hoher impliziter Volatilität kann Prämienverkauf sehr attraktiv sein. Bei niedriger impliziter Volatilität sind Debit-Strukturen, Kalender, Diagonals und günstige Hedges oft die bessere Wahl. Passe nicht den Markt an deine Lieblingsstrategie an. Passe deine Strategie an den Markt an.

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