Stress-Test fürs Depot: So bereitest du dich auf den nächsten Bärenmarkt vor

„Meine Regeln funktionieren.“ Diesen Satz höre ich oft. Aber woher weißt du das eigentlich?

Weißt du es, weil du deine Regeln schon einmal unter echtem Druck getestet hast? Weil sie einen Crash, einen langen Bärenmarkt, einen zähen Seitwärtsmarkt und einen überhitzten Bullenmarkt überstanden haben? Oder weißt du es nur, weil die Märkte zuletzt freundlich waren?

Das ist ein gewaltiger Unterschied. Denn ein gutes Ergebnis in einem steigenden Markt beweist nicht automatisch, dass deine Strategie robust ist. Es kann auch einfach bedeuten, dass du Rückenwind mit Können verwechselt hast.

Genau deshalb ist ein Pre Mortem für dein Depot so wichtig. Du wartest nicht, bis es brennt. Du stellst dir heute die unbequemen Fragen, rechnest die Szenarien durch und definierst deine Handlungen, solange du noch ruhig denken kannst.

 

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Warum ein Bärenmarkt deine Regeln anders testet als ein Crash

Langfristig steigen Aktienmärkte. Wer sich einen langfristigen Chart ansieht, erkennt trotz aller Rücksetzer, Ausbrüche und heftigen Bewegungen eine klare Tendenz von links unten nach rechts oben.

Das ist auch der Grund, warum viele Strategien in steigenden Märkten funktionieren. Long Delta, Aktien halten, Rücksetzer kaufen, Prämien verkaufen und einfach aussitzen, all das fühlt sich in einem freundlichen Umfeld oft sehr vernünftig an.

Das Problem ist nicht, dass diese Ansätze grundsätzlich falsch wären. Das Problem ist, dass sie in anderen Marktphasen völlig anders reagieren können.

Ein durchschnittlicher Bärenmarkt dauert, historisch seit 1928 betrachtet, rund 11,4 Monate und führt zu einem Rückgang von ungefähr 35 Prozent. Im Schnitt kommt es etwa alle 3,5 Jahre zu einem solchen Marktumfeld. Bis die alten Höchststände wieder erreicht werden, vergehen typischerweise ungefähr 2,5 Jahre.

Die entscheidende Erkenntnis lautet: Für viele Depots ist nicht einmal die Tiefe des Rückgangs das größte Problem. Es ist die Dauer.

Der Unterschied zwischen Sprint und Marathon

2020 war ein extremer Schock. Der Markt fiel in 33 Handelstagen um mehr als 30 Prozent. Das war brutal, schnell und emotional. Nach etwa vier Monaten war die Erholung aber bereits wieder da.

Das war kein klassischer, langgezogener Bärenmarkt. Es war ein Crash, ein Bärenmarkt Sprint, wenn du so willst.

Das Gegenteil dazu war die Phase nach dem Jahr 2000. Der Markt verlor ungefähr 49 Prozent und die Erholung dauerte rund 31 Monate. Das war kein kurzer Schock. Das war ein Marathon bergab.

Ein Sprint testet deine Nerven für einige Wochen. Ein langwieriger Bärenmarkt testet deine Regeln, deine Liquidität, deine Positionsgrößen und im schlimmsten Fall sogar dein gesamtes Leben über eine lange Zeit.

Auch 2022 war für viele eine wichtige Erfahrung, aber nicht zwingend der große Härtetest. Wer Rücksetzer ausgesessen und nachgekauft hat, wurde relativ schnell wieder belohnt. Dadurch kann sich ein riskantes Verhalten plötzlich wie eine gute Regel anfühlen.

Aber einmal die Luft anzuhalten bedeutet noch nicht, dass du tauchen kannst. Genau so wenig beweist ein kurzer Rückgang, dass dein Depot auch einen langen Abschwung verkraftet.

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Der unterschätzte Hebel: Wertpapierkredite und erzwungene Verkäufe

Ein besonders wichtiger Faktor ist die Verschuldung über Wertpapierkredite. Diese Zahlen sind kein Signal dafür, wann ein Rückgang beginnt. Niemand kann dir seriös den exakten Zeitpunkt eines Crashs nennen.

Sie sagen aber etwas darüber aus, wie der nächste Rückgang aussehen könnte.

Im September 2026 lagen die Wertpapierkredite in den USA bei rund 1,42 Billionen Dollar. Das waren etwa 39 Prozent mehr als im Vorjahr. Gemessen an der Wirtschaftsleistung befand sich diese Summe im 99. Perzentil der historischen Daten.

Allein im Juli wurden 85 Milliarden Dollar an Kreditvolumen abgebaut. Das war der größte monatliche Rückgang, der je verzeichnet wurde. Das zeigt, wie viel Kredit im System aufgebaut wurde und wie schnell dieser wieder verschwinden kann.

Ein langsamer Abbau ist nicht zwingend ein Drama. Ein schneller Abbau kann jedoch eine Abwärtsbewegung massiv beschleunigen.

Warum es dich auch ohne Margin betrifft

Vielleicht denkst du jetzt: Ich handle doch gar nicht auf Kredit. Ich habe keine Margin. Warum sollte mich das interessieren?

Weil erzwungene Verkäufer keine Bewertungen analysieren. Sie verkaufen, was liquide ist. Und oft verkaufen sie genau die Werte, die gut gelaufen sind, weil dort Gewinne realisiert und schnell Liquidität geschaffen werden kann.

Wenn ein Broker wegen eines Margin Calls Positionen liquidiert, fragt er nicht, ob ein Unternehmen tolle Fundamentaldaten hat. Er fragt nicht, ob Gold langfristig sinnvoll ist oder ob eine Aktie gerade unterbewertet erscheint. Er reduziert Risiko.

In solchen Momenten steigen Korrelationen oft stark an. Deine fünf vermeintlich unterschiedlichen Positionen können plötzlich gleichzeitig fallen. Auch Gold, Anleihen oder die bisher stärksten Aktien können verkauft werden, weil Marktteilnehmer dringend Liquidität brauchen.

Das ist der Punkt, an dem Diversifikation auf dem Papier manchmal enttäuschend aussieht. Nicht weil Diversifikation schlecht wäre, sondern weil viele Positionen in einem echten Stressmoment doch vom gleichen Risiko abhängig sind.

Das stille Risiko im Optionshandel: Steigende Margin bei fallenden Kursen

Im Optionshandel kommt ein zusätzlicher Faktor dazu: Die Margin Anforderungen steigen häufig genau dann, wenn deine Positionen bereits unter Druck stehen.

Fallen Kurse und steigt gleichzeitig die implizite Volatilität, verlangt der Broker für viele Positionen mehr Sicherheitsleistung. Das ist besonders relevant bei Short Optionen. Du hast dann nicht nur einen Buchverlust durch die Marktbewegung, sondern häufig auch steigenden Kapitalbedarf.

Deshalb gilt eine zentrale Regel:

Deine Positionsgröße muss nicht nur einen Kursrückgang überleben. Sie muss auch eine Verdoppelung der Margin Anforderungen überleben können.

Bei Short Optionen reicht es nicht, nur den Kursverlust einzurechnen. Ein kräftiger Anstieg der impliziten Volatilität kann häufig den größeren Teil des Problems ausmachen. Wer das ignoriert, erlebt sein Risiko erst dann wirklich, wenn es bereits teuer geworden ist.

Dein persönlicher Depot-Stresstest in fünf Fragen

Diese fünf Fragen solltest du nicht nur gedanklich beantworten. Schreib sie auf. Rechne sie durch. Speichere deine Antworten so, dass du jederzeit darauf zugreifen kannst, auch wenn du unterwegs bist oder die Märkte verrücktspielen.

1. Was passiert mit deinem Depot bei minus 35 Prozent im Index?

Bitte schätze nicht. Rechne.

Nimm jede offene Position, setze einen Rückgang von 35 Prozent im Index an und berechne, was das konkret für dein Konto bedeutet. Berücksichtige dabei dein gesamtes Exposure und nicht nur einzelne Lieblingspositionen.

Wenn du Optionen handelst, musst du zusätzlich den Anstieg der impliziten Volatilität einplanen. Bei Short Optionen ist der fallende Basiswert nur die halbe Rechnung.

Tools wie OptionStrat oder ein entsprechendes Terminal können dir helfen, Szenarien realistisch zu simulieren. Entscheidend ist nicht, ob deine Schätzung angenehm ist. Entscheidend ist, ob sie ehrlich ist.

2. Bei welchem Drawdown hörst du auf, deinem Plan zu folgen?

Jeder hat diesen Punkt. Die Frage ist nur, ob du ihn kennst, bevor du ihn erreichst.

Definiere keine Gefühle, sondern Zahlen. Eine mögliche Regel könnte lauten:

  • Bei einem Drawdown von X Prozent halbiere ich alle Positionsgrößen.
  • Bei einem Drawdown von Y Prozent eröffne ich keine neuen risikoreichen Positionen.
  • Bei einem Drawdown von Z Prozent überprüfe ich mein Gesamt Exposure vollständig.

Der konkrete Wert hängt von deinem Konto, deinem Handelsstil und deinem Risiko ab. Wichtig ist, dass du ihn vorher festlegst. In einer Panikphase wirst du nicht plötzlich rationaler. Du wirst auf deine Vorbereitung zurückfallen.

3. Wie lange kannst du durchhalten, ohne aus dem Depot verkaufen zu müssen?

Tradingkapital und Lebensunterhalt müssen getrennt sein. Das ist keine Nebensache, sondern ein zentraler Schutzmechanismus.

Wenn du in einem Abschwung Geld aus deinem Depot entnehmen musst, verkaufst du möglicherweise genau zu dem Zeitpunkt, an dem du am wenigsten verkaufen willst. Du machst aus einem Buchverlust einen endgültigen Verlust, weil du keine Wahl mehr hast.

Ein langfristiges Depot und ein Tradingdepot sollten deshalb getrennte Konten mit unterschiedlichen Regeln sein.

In einem langfristigen Depot kann ein Crash eine Aufbauphase sein. Dort willst du möglicherweise gerade dann investieren, wenn die Kurse stark gefallen sind. Im Tradingdepot gelten andere Regeln, andere Positionsgrößen und ein anderer Umgang mit Risiko.

Dein Puffer außerhalb des Depots sollte dich mindestens durch die Dauer eines durchschnittlichen Bärenmarktes tragen können. Vor allem dann, wenn du auf Erträge aus dem Trading angewiesen bist.

4. Welche deiner Regeln hat dich noch nie Geld gekostet?

Geh deine Regeln durch und markiere jene, die du noch nie unter Schmerzen einhalten musstest. Genau das sind oft die Regeln, die im Ernstfall zuerst brechen.

Vielleicht lautet deine Regel, einen Short Put bei 200 oder 300 Prozent Gewinn zu schließen. Klingt sauber. Aber hast du das auch getan, als du überzeugt warst, dass noch mehr drin ist? Oder hast du die Position laufen lassen, weil es gerade so gut lief?

Eine Regel, die du nicht befolgst, wenn sie unbequem ist, ist keine Regel. Sie ist ein Wunsch.

Entweder baust du Prozesse ein, die dir helfen, diese Regeln wirklich umzusetzen. Oder du streichst sie und entwickelst ein Regelwerk, das du auch unter Druck einhalten kannst.

5. Was tust du an dem Tag, an dem alles rot ist?

Nicht allgemein. Nicht emotional. Konkret in Handlungen.

Dein Plan könnte beispielsweise so aussehen:

  • Ich eröffne vor der Mittagszeit keine neuen Positionen.
  • Ich berechne zuerst mein Gesamt Exposure.
  • Ich prüfe Margin, Liquidität und mögliche Risiken bei allen offenen Positionen.
  • Ich reduziere Positionen in einer vorher definierten Reihenfolge.
  • Ich hole keinen Rat von Personen ein, deren Einschätzung ich nicht schon in ruhigen Zeiten schätze.
  • Ich weiß vorab, welche Positionen ich bei einem sofortigen Margin Call zuerst schließen würde.

Diese Reihenfolge musst du kennen, wenn dein Puls normal ist. Nicht wenn Adrenalin, Angst und Handlungsdruck jede klare Entscheidung überlagern.

Bright red neon light reflecting on a wet dark asphalt surface

Vier Veränderungen, die du heute vornehmen kannst

Positionsgröße vor Überzeugung

Ein überzeugendes Setup ist kein Freifahrtschein für eine übergroße Position. Lege feste Positionsgrößen oder feste Prozentsätze pro Trade fest und definiere eine Obergrenze für dein Gesamtexposure.

Im Tradingdepot können ein bis zwei Prozent pro Aktie eine sinnvolle Größenordnung sein. Zwei Prozent sind dabei bereits hoch. Entscheidend ist nicht, wie sicher du dir gerade bist. Entscheidend ist, was dein Konto in einem schlechten Szenario aushält.

Absicherungen kaufen, solange sie günstig sind

Absicherungen sind meist dann am günstigsten, wenn sich kaum jemand dafür interessiert. Ein niedriger VIX kann deshalb eine Phase sein, in der Out of the Money Optionen als Versicherung interessant werden.

Wenn die Panik bereits da ist, greifen alle nach Absicherung. Dann ist sie teuer, die implizite Volatilität ist hoch und die Entscheidung fällt unter Druck.

Natürlich kosten Versicherungen Geld. Diese Kosten müssen kontrolliert und sinnvoll finanziert werden. Trotzdem ist der Grundgedanke wichtig: Du kaufst eine Versicherung vor dem Brand, nicht während das Haus bereits brennt.

Prüfe, ob du wirklich diversifiziert bist

Fünf Strategien bedeuten nicht automatisch fünf Risiken.

Wenn alle deine Strategien Short Vega und Long Delta sind, hältst du keine echte Diversifikation. Du hältst eine Wette in fünf unterschiedlichen Verpackungen.

Gerade im Optionshandel solltest du prüfen, ob du auch Strategien besitzt, die von steigender Volatilität profitieren können. Long Vega Positionen können in einem Stressszenario eine wichtige Gegenbewegung liefern.

Schau nicht nur auf Namen, Märkte oder einzelne Underlyings. Schau auf die Risikofaktoren hinter deinen Positionen.

Nutze kleine Drawdowns als Generalprobe

Der nächste Rückgang von fünf Prozent in wenigen Tagen kommt bestimmt. Genau das ist deine Testphase.

Beobachte ehrlich, was du dann tust. Erhöhst du Risiko? Schiebst du Regeln auf? Kontrollierst du jede Minute Kurse? Verkaufst du aus Angst? Oder handelst du nach deinem vorher festgelegten Plan?

Was du bei einem kleinen Drawdown machst, wirst du wahrscheinlich auch im großen Abschwung tun. Nur schneller, lauter und emotionaler.

Das gilt für jeden. Wer lange genug in einem freundlichen Markt handelt, kann leicht übermütig werden. Diese Tendenz bei sich selbst zu erkennen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist professionelles Risikomanagement.

Die eine Stunde, die dein Depot verändern kann

Nimm dir eine Stunde Zeit und rechne dein Depot mit einem Rückgang von 35 Prozent im Index durch.

Berücksichtige alle offenen Positionen, steigende Volatilität, höhere Margin Anforderungen und dein vollständiges Exposure. Keine Wunschannahmen. Kein Bauchgefühl. Nur Zahlen.

Danach schreibst du eine einzige konkrete Zahl auf:

Ab welchem Drawdown halbierst du deine Positionsgröße?

Diese Zahl ist im Ernstfall wertvoller als zehn spontane Marktmeinungen. Sie schafft Abstand zwischen deinem Konto und deiner Emotion.

Fazit: Im Abschwung fällt deine Vorbereitung auf

Du wirst im Abschwung nicht plötzlich zu dem Trader, der du gerne sein möchtest. Du fällst auf das Niveau deiner Vorbereitung zurück.

Darum ist es so wichtig, Regeln zu testen, bevor sie getestet werden müssen. Prüfe dein Depot auf einen echten Bärenmarkt. Trenne Tradingkapital und Lebenshaltung. Begrenze Positionsgrößen. Plane Margin Risiken ein. Erkenne versteckte Korrelationen. Halte deine Handlungsreihenfolge schriftlich fest.

Es ist unbequem, sich mit einem möglichen Drawdown zu beschäftigen. Aber es ist deutlich billiger, eine Stunde lang ehrlich zu rechnen, als unter maximalem Druck verkaufen zu müssen.

Bereite dich vor, solange du noch die Zeit, Ruhe und Freiheit hast, gute Entscheidungen zu treffen.

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Der Win-win-win-Effekt

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